- Kreditrisiko für EU-27-Unternehmen insgesamt stabil – aber das Umfeld wird schwieriger
- Ausfallraten steigen: von 0,4 % (2024–25) auf bis zu 0,71 % bis 2027 im ungünstigsten Szenario
- Bau & Immobilien am stärksten unter Druck – auch Industrie und Handel zunehmend belastet
Bologna, 24. Juni 2026 –Nicht-finanzielle Kapitalgesellschaften in der Europäischen Union (EU-27) haben in den vergangenen Jahren eine anhaltende Phase wirtschaftlicher und geopolitischer Krisen bewältigt. Trotz des herausfordernden Umfelds – geprägt von den Nachwirkungen der COVID-19-Pandemie, Inflationsschüben, restriktiver Geldpolitik, Lieferkettenstörungen und geopolitischen Spannungen – haben europäische Unternehmen eine bemerkenswerte Widerstandsfähigkeit bewiesen, wie das weitgehend stabile und nachhaltige Kreditrisikoprofil der Jahre 2022 bis 2024 bestätigt. Diese Resilienz wird jedoch zunehmend auf die Probe gestellt. Die Unternehmensfundamentaldaten sind zwar insgesamt noch solide, doch sehen sich Unternehmen in der EU-27 mit wachsendem Druck durch sich verschlechternde makroökonomische Bedingungen und erhöhte geopolitische Unsicherheit konfrontiert. Während die Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran noch andauern, erwartet CRIF für den Zeitraum 2026–2027 einen Anstieg des Kreditrisikos.
Das sind die zentralen Ergebnisse der ersten Ausgabe des CRIF European Credit Outlook. Durch die Integration von Ausfallraten, proprietärem Scoring, Finanzkennzahlen, Sektortrends, Bankendynamiken und zukunftsgerichteten Szenarien liefert der CRIF European Credit Outlook eine umfassende Einschätzung des Kreditrisikoprofils von rund 48.000 nicht-finanziellen Kapitalgesellschaften in der EU-27 mit einem Umsatz von mehr als 50 Millionen Euro – und positioniert sich damit als einzigartiger Benchmark für die Kreditrisikoeinschätzung europäischer Nicht-Finanzunternehmen.
„Nach einem starken Umsatzwachstum im Jahr 2022, das sowohl durch die Erholung nach der Pandemie als auch durch die hohe Inflation angetrieben wurde, haben sich die Wachstumsraten in der Europäischen Union 2024 mit durchschnittlich rund 4 % allmählich stabilisiert. Im Vergleich zu 2025 hat sich das makroökonomische Umfeld jedoch grundlegend verändert – vor allem durch externe Ereignisse infolge des jüngsten Ausbruchs des Konflikts im Nahen Osten, der sich auf Transport, Energiekosten und Lieferketten zahlreicher Produktionssektoren auf dem Kontinent ausgewirkt hat. All dies führt zu einer Abwärtskorrektur der Wachstumserwartungen und zu einem Anstieg der Inflationsschätzungen für die 27 Mitgliedstaaten. Eine erfolgreiche und nachhaltige Einigung zwischen den USA und dem Iran könnte die Erwartungen an die makroökonomischen Fundamentaldaten teilweise verbessern. Für 2026 könnten verfügbare Liquiditätsreserven einen gewissen Puffer gegen die negativen Auswirkungen ungünstiger geopolitischer Entwicklungen bieten. In diesem Sinne wird die Bereitschaft der EU-Finanzinstitutionen, die Liquidität der Unternehmen zu unterstützen, ein entscheidender Faktor für die Bewältigung und das Management potenzieller Risiken in einem instabilen wirtschaftlichen Umfeld sein“, erklärt Carlo Gherardi, Präsident und CEO von CRIF. „CRIF hat daher fortschrittliche Analysetools entwickelt, die es Finanzinstitutionen und Banken ermöglichen, diese aufkommenden geopolitischen Risikofaktoren in ihre Kreditentscheidungen zu integrieren und damit die nachhaltige Finanzierung und langfristige Entwicklung des europäischen Produktionssystems zu unterstützen – ungeachtet der anhaltenden globalen Unsicherheit und Instabilität.“
Solider Ausgangspunkt, aber erste Anzeichen von Belastung
Auf Basis der aktuell verfügbaren Jahresabschlüsse zeigen die Unternehmen im EU-27-Raum ein weitgehend stabiles Kreditprofil auf befriedigendem Niveau, bewertet anhand eines proprietären CRIF-Scoring-Modells („CRIF EU Score“), das europäische Unternehmen nach einem standardisierten Ansatz bewertet und damit eine vollständige länderübergreifende Vergleichbarkeit gewährleistet. Gemäß den Modellergebnissen entfiel im Durchschnitt des Zeitraums 2022 bis 2024 mehr als die Hälfte der Unternehmen (ca. 52 %) auf die Kategorie „Sicher“, während nur ein begrenzter Anteil (13 %) ein „vulnerables“ Kreditrisiko aufwies. Dieses Ergebnis spiegelt die Fähigkeit der Unternehmen wider, multiple Krisen zu absorbieren – von den Nachwirkungen der Pandemie über die Inflation bis hin zu den durch den Ukraine-Krieg ausgelösten Lieferkettenstörungen. Die Risikoverteilung profitierte sowohl von staatlichen Stützungsmaßnahmen als auch von der Unterstützung durch Finanzinstitutionen: Der Bestand an ausstehenden Krediten stieg zwischen Dezember 2021 und Dezember 2024 um ca. 4,3 % und stellte einen wesentlichen Pufferfaktor gegen die negativen Auswirkungen der genannten widrigen Bedingungen dar. Das Kreditvolumen wuchs auch in 2025 (ca. +2,4 % von Dezember 2024 bis Dezember 2025) und im ersten Quartal 2026 (ca. +1,2 % von Dezember 2025 bis März 2026) weiter, trotz des schwieriger gewordenen Umfelds.
Aus wirtschaftlicher und finanzieller Sicht zeigten europäische Unternehmen im Zeitraum 2023–2024 zwar weiterhin ein robustes Liquiditätsprofil und nachhaltige Schuldenkennzahlen, jedoch verlangsamte sich das Umsatzwachstum (+3,9 % in 2024) und der EBIT-Trend geriet unter Druck (-1 % in 2024). Das begrenzte Umsatzwachstum europäischer Unternehmen im Jahr 2024 war konsistent mit dem BIP-Anstieg der EU-27 von rund 1 % und unterstreicht Fragilitäten, die die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Akteure auf internationalen Märkten sowie die Binnennachfrage negativ beeinflusst haben und weiterhin beeinflussen.
Geopolitische Risiken als Schlüsselgröße für die Kreditrisikoentwicklung
Die historische Analyse zeigt, dass europäische Unternehmen im Durchschnitt ein befriedigendes Kreditrisikoprofil aufrechterhalten haben – wenn auch in einem zunehmend unsicheren und fragilen globalen Umfeld. Die wachsende Bedeutung geopolitischer Risiken wird dabei zu einem zentralen Treiber der Kreditrisikoentwicklung. Die aktuellen Spannungen im Nahen Osten üben Aufwärtsdruck auf Energie- und Produktionskosteneingaben sowie auf die Zuverlässigkeit von Lieferketten aus und tragen zu einer erhöhten Inflation und einem unter Druck stehenden Wirtschaftswachstum für 2026 bei. Die Dauer potenzieller weiterer Störungen auf wichtigen Handelsrouten – einschließlich der Straße von Hormus – wird ein entscheidender Faktor für die Inflations- und BIP-Entwicklung in Europa sein und direkte Implikationen für die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank haben.
Das CRIF-Basisszenario für 2026 geht von einem moderaten EU-27-BIP-Wachstum von 1 %, einem mäßigen Anstieg der Inflation auf rund 3 % und einem leichten Zinsanstieg aus – bei einer schrittweisen De-Eskalation des US-Iran-Konflikts in der zweiten Hälfte 2026 und mäßig restriktiveren Kreditbedingungen. Im Falle eines Scheiterns der laufenden Verhandlungen und einer erneuten Eskalation des Konflikts im Nahen Osten erwartet das CRIF-Negativszenario ein BIP-Wachstum nahe null, eine Inflationsrate von rund 5 % und Zinsen von ca. 3,5 %. Dies könnte zu selektiveren Kreditbedingungen führen und die finanzielle Flexibilität der fragilsten europäischen Unternehmen negativ beeinflussen.
Kreditausblick 2026-2027
Gemäß dem CRIF-Basisszenario wird erwartet, dass die öffentlichen 1-Jahres-Ausfallraten für europäische Unternehmen 2026 auf 0,48 % steigen (ca. 0,4 % in 2024 und 2025 gemäß letzten Schätzungen), während im CRIF-Negativszenario ein stärkerer Anstieg auf 0,58 % prognostiziert wird. Für 2027 ist ein weiterer Anstieg der Ausfallraten zu erwarten, mit einer ausgeprägteren Verschlechterung im Negativszenario: Die EU-27-Ausfallrate wird im Basisszenario auf 0,55 % und im Negativszenario auf 0,71 % geschätzt. Der Ausblick für 2027 hängt maßgeblich von der Entwicklung der makroökonomischen, geopolitischen und kreditwirtschaftlichen Rahmenbedingungen im Jahr 2026 ab. Die Trends sind jedoch nicht sektorenübergreifend einheitlich.
Die Ausfallrateprognosen berücksichtigen auch die hohen öffentlichen Schuldenquoten in der EU-27, die die Handlungsfähigkeit der europäischen Regierungen bei der Umsetzung großzügiger Stützungsmaßnahmen – vergleichbar mit jenen während der COVID-19-Krise – einschränken würden, ohne die fiskalische Nachhaltigkeit zu gefährden. In diesem Kontext wird die Fähigkeit der Unternehmen, das aktuelle makroökonomische und geopolitische Umfeld zu navigieren, positiv durch die erwartete anhaltende Unterstützung der Finanzinstitutionen beeinflusst. Diese Unterstützung ist ein wesentlicher dämpfender Faktor bei der Aufrechterhaltung der Unternehmensliquidität und der Steuerung von Abwärtsrisiken, insbesondere in ungünstigeren Szenarien.
Kreditrisiko nach Sektoren
Innerhalb des Analyserahmens entfällt die größte Konzentration von Unternehmen mit einem Umsatz von mehr als 50 Mio. Euro auf den Sektor Handel (31 %), gefolgt von Dienstleistungen (29 %) und Industrie (27 %), während Landwirtschaft, Lebensmittel & Getränke (7 %) und Bau & Immobilien (6 %) weniger stark vertreten sind.
Bau & Immobilien ist der am stärksten gefährdete Sektor: Nur 44 % der Unternehmen gelten als kreditwürdig sicher – deutlich weniger als der EU-27-Schnitt von 51 %. Gleichzeitig ist der Anteil der risikobehafteten Unternehmen mit 18 % klar höher als im europäischen Durchschnitt (13 %). Dies spiegelt die strukturelle Exponierung gegenüber zyklischer Nachfrage, Ausführungsrisiken und Kostenschwankungen bei Produktionsinputs wider. Bau & Immobilien weist auch die höchsten Ausfallraten auf: 0,64 % in 2024 sowie Prognosen von 0,75 % im Basisszenario und 0,82 % im Negativszenario für 2026.
Landwirtschaft, Lebensmittel & Getränke zeigt das konservativste Kreditrisikoprofil mit ca. 68 % der Unternehmen in der „Sicheren Zone“ – obwohl der Sektor multiplen Risikofaktoren ausgesetzt ist, darunter Preisvolatilitiät, Lieferkettenstörungen, saisonale Produktionsmuster und wetterbezogene Umstände. Bei den Ausfallraten verzeichnete der Sektor 2024 einen der niedrigsten historischen Werte (0,33 %), wobei für 2026–2027 ein Anstieg erwartet wird, der jedoch unterhalb des europäischen Durchschnitts bleiben soll.
Obwohl der Industriesektor eine Risikoverteilung aufweist, die weitgehend dem europäischen Durchschnitt entspricht, zeigen Jahresabschluss-Kennzahlen zur operativen Performance erste Schwächesignale. Das Umsatzwachstum der Industrie (+0,5 % in 2024 gegenüber +3,9 % für die EU-27) spiegelt ein zunehmend herausforderndes operatives Umfeld wider. Die industriellen Ausfallraten (0,38 % in 2024) dürften 2026 auf 0,48 % im Basisszenario bzw. 0,62 % im Negativszenario steigen. Das Kreditrisikoprofil des Handelssektors, der 2024 die niedrigste Ausfallrate aufwies (0,29 %), dürfte sich 2026 verschlechtern: Die prognostizierten Ausfallraten liegen bei 0,39 % im Basisszenario und 0,51 % im Negativszenario. Diese Sektoren dürften am stärksten vom anhaltenden geopolitischen Szenario betroffen sein, was ihre hohe Exponierung gegenüber internationalen Märkten – sowohl als Absatzmärkte als auch in Bezug auf Lieferkettenabhängigkeiten – sowie ihre Sensitivität gegenüber potenziellen Inflationsdruck widerspiegelt, der die Kaufkraft der Verbraucher direkt beeinflussen würde.
„Im Zeitraum 2022–2024 verzeichnete der Industriesektor der EU-27 eine schwache operative Performance, die auf intensiven Wettbewerb, gedrosselte Binnennachfrage, nachteilige US-Zollpolitik und Lieferkettenbeschränkungen zurückzuführen ist. Diese Faktoren haben Umsätze und Margen negativ beeinflusst, begleitet von anhaltendem Kostendruck und der Schwäche wichtiger Segmente wie der Automobilindustrie. Jüngste geopolitische Entwicklungen haben diese Herausforderungen weiter verschärft und zu niedrigeren globalen Wachstumserwartungen und höheren Inflationsprognosen beigetragen. Ohne eine rasche Rückkehr zur Normalität im Nahost-Konflikt werden die meisten international exponierten Sektoren, einschließlich der Industrie, einem zunehmenden Druck auf ihr Kreditrisikoprofil ausgesetzt sein“, sagte Luca D’Amico, CEO von CRIF Ratings.
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CRIF ist ein globaler Informationsdienstleister mit mehr als 70 Niederlassungen in über 35 Ländern auf vier Kontinenten. Im Fokus der Unternehmensgruppe steht der Schutz und die Stärkung der lokalen Wirtschaft. CRIF setzt auf datenbasierte Lösungen für Identitäts- und Risikomanagement, Betrugsvermeidung und Nachhaltigkeit. Handel, Banken, Versicherungen, Zahlungsanbieter und damit auch Konsument:innen werden durch die Lösungen von CRIF geschützt und gestärkt. CRIF vereint das Beste aus zwei Welten: innovative Technologie mit vertrauenswürdigen Informationen sowie Analytics und Consulting. CRIF, lizenzierter Tool-Partner der GRI (Global Reporting Initiative), gestaltet die Zukunft von Unternehmen durch innovative Lösungen, die weit über eine umfassende wirtschaftliche Stärkung hinausgehen. Als Teil der CRIF-Gruppe ist CRIF Ratings eine von der ESMA zugelassene Ratingagentur. www.crif.at
Über CRIF Ratings
CRIF Ratings ist eine führende europäische Ratingagentur, die bei der ESMA (Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde) registriert ist und Ratings für nicht-finanzielle Unternehmen vergibt. CRIF Ratings bietet auch Nebendienstleistungen zur Unterstützung von Finanzinstitutionen weltweit an, wie Unternehmensbewertungen und spezielle Anlageklassen, Benchmarking, zukunftsgerichtete Analysen sowie Sektor- und Geopolitikanalysen. Durch die Nutzung ihrer analytischen und methodischen Kompetenz sowie der Informationsressourcen der CRIF-Gruppe bietet CRIF Ratings Kreditrisikolosungen für Unternehmen, Finanzinstitutionen, Investoren und öffentliche Verwaltungen an. www.crifratings.com
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